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19.10.: Notfallmediziner im Kölner Fußballstadion

Unter dem kölschen Kongressmotto „Mer stonn zesamme“ ging die 10. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin (DGINA) im RheinEnergieSTADION Köln am 5. September 2015 mit rund 1.200 Teilnehmern erfolgreich zu Ende. Drei Tage lang tauschten Mitarbeiter von Rettungsdiensten, der Krankenhauspflege sowie Ärzte aller Fachrichtungen ihre aktuellen Erfahrungen in sämtlichen Bereichen der Notfall- und Akutmedizin aus. Dass die DGINA-Jubiläumstagung unter einem ganz besonderen Stern steht, zeigte das „Dreigestirn“ der Tagungspräsidenten schon mit der Wahl des Fußballstadions als Veranstaltungsort und brachte mit dem „Mannschaftsspiel Notaufnahme“ einigen Schwung in die Tagung. „Unter der Prämisse, dass die Ansprüche an die Organisationsstrukturen und an die medizinische wie pflegerische Versorgungsqualität weiterhin kontinuierlich wachsen, sind wir unserem Ziel, die Teamarbeit zu optimieren und die beste Versorgung von Notfallpatienten zu garantieren, wieder ein gutes Stück näher gekommen“, so die übereinstimmende Einschätzung der Tagungspräsidenten Martin Pin, Zentrale Interdisziplinäre Notaufnahme (ZINA) Florence Nightingale Krankenhaus, Düsseldorf, Dr. med. Ranka Marohl, Interdisziplinäre Notfallambulanz Krankenhaus Porz am Rhein, Köln und Dr. med. Frank Wösten, Zentrale Notaufnahme HELIOS Klinikum, Siegburg.

Die wissenschaftlichen Symposien und Sitzungen mit hochrangigen nationalen und internationalen Experten und die gut besuchten Workshops, Teamtrainings und Simulationsübungen machten deutlich, dass der Stellenwert der interdisziplinären Notfall- und Akutmedizin in den letzten Jahren erheblich zugenommen hat und die besonderen Anforderungen an die Zusammenarbeit im Team und die intersektorale Versorgung weiter aufgewertet wurden. „Den Teamgedanken zu entwickeln und zu stärken war eine der zentralen Botschaften dieser Jahrestagung. Miteinander und voneinander lernen – darum geht es. Alle Spieler in diesem Team müssen sich als wichtiger Teil des Teams fühlen mit dem gemeinsamen Ziel: der guten Versorgung unserer Patienten“, so Martin Pin und Dr. Ranka Marohl bekräftigt: „Entscheidend sind regelmäßiger Austausch, Verständnis und Respekt vor der Arbeit des einzelnen. Jeder in dieser Versorgungskette ist enorm wichtig und die Kette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied!“ Dr. Frank Wösten betont: „Das kann nur wie im Fußball funktionieren: regelmäßiges Grundlagentraining, „Respekt“ vor dem Gegner, Improvisation in außergewöhnlichen Situationen und Entwicklung des ‚Team-Geistes‘ zum Wohle der Patienten.“

So lag der Tagungsschwerpunkt neben dem hochkarätigen wissenschaftlichen Programm zu aktuellen notfallmedizinischen Themen auf dem Teamgeist, der beim Jubiläumskongress für alle Teilnehmer erfahrbar war. Schon vor dem Kongress fanden Workshops gezielt für ärztliches und pflegerisches Personal gemeinsam statt. Ganz bewusst wurde versucht, alle Sessions möglichst für alle Berufsgruppen zu öffnen – die Grundlage dafür, mit dem Austausch über evidenzbasierte Notfallmedizin und alltägliche Erfahrungen aus der Praxis bei allen an der Notfallversorgung beteiligten Berufsgruppen das gegenseitige Verständnis zu erhöhen und die Teamarbeit in der Notaufnahme weiter zu professionalisieren. „Das hohe Maß an Interdisziplinarität und Interprofessionalität, welches die Grundlage zum „Gelingen“ einer guten Notaufnahme-Performance ist, stand über allem“, betonte Dr. Frank Wösten. So wurden im Rahmen der Tagung Szenarien „vom Unfall bis in den Schockraum“ gemeinsam mit allen beteiligten Berufsgruppen durchgespielt - eine Verzahnung der Präklinik mit der Klinik-Notaufnahme, die sich für alle Teilnehmer gleichermaßen spannend gestaltete.

Gleichzeitig förderte der Austausch mit internationalen Experten den “Blick über den Tellerrand“. Im Vorfeld der für Oktober anstehenden Veröffentlichung der neuen Reanimationsrichtlinien von ILCOR (International Liaison Committee on Resuscitation) und ERC (European Resuscitation Council) gab Frau Prof. Dr. Maaret Castren, die ERC-Vorsitzende aus Helsinki, Schweden, erste Einblicke in die neuen Leitlinien. Weitere wichtige notfallmedizinische Themen waren die Versorgungsforschung in der klinischen Notfallmedizin, die Notfall- und Akuttherapie spezieller Erkrankungsschwerpunkte sowie die drängende Frage der Ökonomie: wie das Problem der fortschreitenden Unterfinanzierung der ambulanten Notfallversorgung gelöst werden kann.

„Für Kliniken ist die ambulante Notfallversorgung ein Draufzahlgeschäft!“, so DGINA-Generalsekretär Dr. Timo Schöpke, Zentrale Notaufnahme/ Rettungsstelle Vivantes Klinikum Am Urban, Berlin.
Bei einer Pauschale von durchschnittlich 30-60 Euro für jeden Patient sind die tatsächlich anfallenden Kosten von durchschnittlich 129 Euro nicht zu decken, so dass die Notfallambulanzen immer weiter subventioniert werden müssten; bei bundesweit mehr als 21 Millionen Patienten bliebe jedes Jahr ein Defizit von rund einer Milliarde Euro. Inwieweit die Anpassung der Vergütung im bereits verabschiedeten GKV-Versorgungsstärkungsgesetz und im Krankenhausstrukturgesetz eine Verbesserung darstellt oder nicht doch hinter den Ankündigungen des Koalitionsvertrages zurückbleibt, war ein wichtiger Diskussionspunkt bei der hochrangig besetzten Podiumsdiskussion zur Rolle der Notaufnahmen in der politischen Diskussion: „Notaufnahme vor dem Kollaps – Wer zahlt die Rechnung?“.

Die gut besuchte Veranstaltung, moderiert von dem bekannten WDR-Moderator Michael Brocker, war ein Highlight des Kongresses. Einigkeit herrschte, dass die Notfallambulanzen deutscher Krankenhäuser mit jährlich 21 Millionen Patienten eine zentrale Säule in der Versorgung der Notfallpatienten darstellen. Die Problematik der Finanzierung im Bezug auf die 24-Stunden Ressourcenvorhaltung für die fachlich hochqualitative Versorgung in den Notfallambulanzen wurde kontrovers diskutiert. Wie die aktuelle gesundheitspolitische Diskussion verdeutlichte, wird der kassenärztliche Notdienst umstrukturiert und weniger Patientenversorgung übernehmen - insbesondere zu den „Unzeiten“ ab 22 Uhr bis morgens um 07 Uhr -, so dass weiterhin noch deutlich mehr Patienten in den Notaufnahmen behandelt werden.

Unter dem Aspekt der Neuordnung der KV Notdienstordnung und dem Gutachten der DKG vom Februar 2015 bestand reichlich Diskussionsbedarf. Sollte es nach den Reformplänen der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein zum Beispiel im Raum Köln/ Bonn nur noch vier von zehn Notfallpraxen geben und der ärztliche Bereitschaftsdienst noch weiter eingeschränkt werden, so würden künftig noch mehr Patienten die Notaufnahmen eines Krankenhauses aufsuchen, die jetzt schon „kurz vor dem Kollaps“ stehen.

Angesichtes der steigenden Zunahme von Notfallpatienten von 6-8% pro Jahr wurde auf die dringende Notwendigkeit der Optimierung der Abläufe hingewiesen, die in vielen Krankenhäusern schon durch eine eigenständige Organisation der Notfallambulanzen umgesetzt wird. Doch hat sich der deutschlandweite Trend zu interdisziplinären, zentralen Notaufnahmen als eigenständigem Fachbereich unter chefärztlicher Leitung mit fest definierten Strukturen noch nicht allgemein umgesetzt; so verfügt im gesamten Raum Köln/ Bonn bisher nur das Krankenhaus Porz über eine eigenständige Klinik für Notfall- und Akutmedizin. Ein klarer Wettbewerbsnachteil, so Dr. Frank Wösten: „Es zeigt sich schon jetzt in Berlin, dass klare Rahmenvorgaben des Gesetzgebers – z.B. durch einen Krankenhaus-Rahmenplan für die Notfallversorgung – zu einem Wettlauf der Kliniken um die Notfallpatienten führen: Der Rettungsdienst sucht sich zum Wohle der ihm anvertrauten Notfall- Patienten zukünftig auch im übrigen Bundesgebiet die Kliniken aus, welche die beste „Performance“ für ihre Patienten bieten können.“

Ein weiterer wichtiger Fokus der Tagung lag auf Ausbildungskonzepten in der klinischen Notfallmedizin in Wissenschaft und Praxis. Da Notfallmediziner akut lebensbedrohliche Erkrankungen aller Fachdisziplinen behandeln, wäre eine Zusatzweiterbildung „klinische Notfall- und Akutmedizin“ von enormer Bedeutung. „Gleichzeitig sind deutschlandweit in den Notaufnahmen nur 5% der Patienten lebensbedrohlich gefährdet; um so wichtiger ist es, diese Patienten aus der Vielzahl der Patienten herauszufiltern und einer zügigen, unter Umständen lebensrettenden Diagnostik und Therapie zuzuführen“, betonte Dr. Frank Wösten.

Engagierte Assistenzärzte der „Young DGINA“ stellten das von ihnen initiiere Famulaturprojekt vor, das mit großem Erfolg an einzelnen Kliniken in Deutschland gestartet wurde und dem sich immer mehr große und kleine Notaufnahmen anschließen. Das DGINA Famulaturprojekt erleichtert es Medizinstudenten, sich einzubringen und Teil des Notaufnahme-Teams zu werden, indem es moderne didaktische Konzepte mit der Realität der Notaufnahme kombiniert. So entstehen schnell Vertrauensverhältnisse, indem die Studierenden einem engagierten Mentor auf Schritt und Tritt folgen, und ihre Fähigkeiten und Fertigkeiten können bei der großen Anzahl hilfesuchender Patienten oder in kritischen Situationen optimal eingesetzt werden. Als eine der aktivsten Arbeitsgruppen der DGINA organisierte die Young DGINA neben dem Famulaturprojekt unkonventionelle Vorträge und strickte mit viel Elan weiter an dem Netzwerk junger Notfallmediziner in ganz Deutschland.

In einer Vielzahl von Workshops wurden sowohl die individuellen Fähigkeiten als auch die Teamfähigkeit trainiert. Mit neuen technischen Möglichkeiten wurden verschiedene Situationen und Notfälle an Simulationspuppen realitätsnah nachgestellt und mit Team-Trainingskonzepten, zum Beispiel aus der Luftfahrt, kombiniert. Der Sim-Cup Notfallmedizin, der in diesem Jahr zum dritten Mal stattfand, war ein weiterer Höhepunkt der Tagung. Unter dem Motto „Zesamme sin mer stark!“ standen wieder Teams aus Pflegepersonal und Ärzten auf der Bühne, um im Rahmen simulierter Schockraumeinsätze miteinander und voneinander zu lernen. Die Szenarien, von erfahrenen Notfallmedizinern erarbeitet und von einem Expertenteam am Simulator umgesetzt, waren auf der Grundlage realer Fälle aus DGINA-Notaufnahmen entstanden: das ganze Spektrum schwerverletzter und kritisch kranker Patienten, die sich mit verschiedensten Leitsymptomen in der Notaufnahme vorstellten oder vom Rettungsdienst erstversorgt in den Schockraum gebracht wurden. Als Siegerteam des SIM-Cup 2015 konnte das "Team D/AT" um Kostja Steiner (Graz/AT), Anja Ziegler (Kulmbach), Friederike Bremer (Wismar) und Martin Fandler (Nürnberg) den Wanderpokal für ein Jahr mit in die Heimatklinik nehmen.

Dr. Frank Wösten zog das Fazit des überaus gelungenen DGINA-Jubiläumskongresses: „Wir gehen davon aus, dass die dauerhaft in den Notaufnahmen arbeitenden Kolleginnen und Kollegen, aktuell häufig ausschließlich Pflegekräfte, von unserem Kongress einen Motivationsschub erhalten haben, mit „breitem Kreuz“ zurück in die Krankenhäuser gehen und dort eine Erhöhung der Qualität in der Patientenversorgung einfordern und organisieren.“

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