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11.08.: Set-Besuch beim WDR-Film "Junges Licht"

1961 - Ein Sommer im Ruhrgebiet

Fotos: Andreas Klein

Filmfamilie Collien mit Regisseur Winkelmann und den Produzenten auf dem Balkon der Wohnung von Familie Collien, nachgebaut in den MMC-Studios in Köln-Ossendorf.

Der Krieg ist vorbei. Die Gastarbeiter sind schon da und die Tante Emma-Läden noch rentabel; Rauchen gilt nicht als gesundheitsgefährdend und Currywurst als nahrhaft. Julian Collien (Oscar Brose) ist fast 13 Jahre alt und lebt in einer Ruhrgebietssiedlung, die - nicht richtig Stadt, nicht richtig Land - geprägt ist vom Bergbau und gekennzeichnet durch Enge, Armut und Brutalität. Die Schule hält Julian für überbewertet; er will Bergmann werden - wie sein Vater.

Es ist heiß, die Jugendlichen der Siedlung verbringen ihre Sommerferien mit dem Üblichen: Süßigkeiten klauen, Zigaretten rauchen, Bier trinken, Hunde anzünden und sonntags Messdiener sein. Julian ist ein sensibler Beobachter. Sein Vater Walter (Charly Hübner) schuftet unter Tage, während sich Mutter Liesel (Lina Beckmann) ihr fehlendes Glück zu kaufen versucht - auf Raten oder auf Pump. Ihre Unzufriedenheit lässt sie an Julian aus, für den die Schläge mit dem Holzlöffel keine große Sache sind. Als die Mutter, geplagt von chronischen Gallenkoliken, einen Nervenzusammenbruch erleidet und mit Julians kleiner Schwester Sophie (Magdalena Matz) zur Schwiegermutter ans Meer fährt, bleiben Vater und Sohn allein zurück. Das Urlaubsgeld reicht nicht für alle.

Die Filmfamilie Collien (ohne Tochter, rechts) und Regisseur Adolf Winkelmann in der Küche der Wohnung der Familie Collien, nachgebaut in den MMC-Studios in Köln-Ossendorf.

Nun fühlt sich Julian zu Hause verantwortlich und will alles richtig machen: Er kocht Tee für seinen Vater, schmiert ihm jeden Morgen Brote, versucht ihm auf diese Weise nahe zu sein. Indes sucht Hausbesitzer Gorny (Peter Lohmeyer), wenn Walter auf Schicht ist, die Nähe zu Julian. Er leiht ihm einen Fotoapparat, mit dem er seine Freunde beim Baden fotografieren soll - am liebsten nackt. Doch der Umgang mit den Jungen der Nachbarschaft ist für Julian schwierig, denn ihre Späße können ohne jede Vorwarnung in Aggression umkippen.

Julian hockt lieber vor dem Fernseher, um sich aus Liebesfilmen das ,Küssen mit Zunge' abzugucken. Oder er beobachtet Marusha (Greta Sophie Schmidt), die frühreife 15-jährige Stieftochter von Herrn Gorny, auf dem gemeinsamen Balkon. Marusha fasziniert und verwirrt Julian zugleich. Ihrer verbalen und sexuellen Direktheit ist er hilflos ausgeliefert. So lässt er die Nachbarstochter nicht nur den roten Nagellack der Mutter benutzen und die filterlosen Zigaretten des Vaters rauchen, sondern sogar ihren halbstarken Bettgenossen Jonny (Linus Schütz) nachts in die Wohnung.

Am Sonntag spitzt sich die erotische Katastrophe zu, als der Vater Julian und Marusha zu seinem Zechenkumpel Lippek (Stephan Kampwirth) mitnimmt. Dort entwickelt sich ein turbulentes Saufgelage, bei dem die Männer mit grotesker Komik die Kontrolle verlieren. Am Ende landet der Vater mit Marusha im Bett, woraufhin der Vermieter Gorny die Familie aus der Wohnung wirft und Julians Mutter noch gereizter aus dem Urlaub zurückkehrt, als sie es ohnehin schon war. Julian fühlt sich schuldig, seinen Vater nicht vor dem Ehebruch bewahrt zu haben. Er packt seine Sachen, läuft von zu Hause weg und will sich dem Pfarrer (Ludger Pistor) anvertrauen. Aber kann man überhaupt die Sünden eines anderen beichten?

Adolf Winkelmann (Regisseur)

Adolf Winkelmann, geboren 1946, aufgewachsen ,zwischen Kohle und Stahl' im Ruhrgebiet, absolvierte zunächst ein Kunststudium in Kassel. Ende der 1960er Jahre galt er als einer der Protagonisten des Europäischen Experimentalfilms. Er vertrat den deutschen Experimental- und Dokumentarfilm unter anderem bei Festivals in Knokke, Rotterdam, New York, Paris. 1975 kehrt Adolf Winkelmann zurück ins Ruhrgebiet. Nach einer Reihe von Fernseharbeiten entstand 1978 sein erster Kinospiel film DIE ABFAHRER.

Adolf Winkelmann lebt in Dortmund, ist Mitglied der European Film Academy, der Deutschen Filmakademie und der Akademie der Darstellenden Künste.

Filmografie {Auswahl)

1978 DIE ABFAHRER, Kino
  Bundesfilmpreis in Silber
  DAG Fernsehpreis
1981 JEDE MENGE KOHLE, Kino
  Bundesfilmpreis in Silber
1986 PENG ! Du BIST TOT' Kino
  Bundesfilmpreis in Gold für Rebecca Pauli
1988 DER LEIBWÄCHTER, TV-Zweiteiler
  Grimme Preis in Silber für A. Winkelmann
1992 NORDKURVE, Kino
  Bundesfilmpreis in Gold für A. Winkelmann (Regie)
  Bundesfilmpreis in Gold für A. Winkelmann (Montage)
1996 DER LETZTE KURIER, TV-Zweiteiler
  Prix de la Critique International de Monte Carlo
  Baden Badener Fernsehspielpreis
  Grimme Preis in Gold für A. Winkelmann (Regie)
2000 DEUTSCHLAND.PICT, Expo 2000
  Deutscher Pavillon
2007 CONTERGAN - EINE EINZIGE TABLETTE, TV-Zweiteiler
  Bambi, Goldene Kamera, Goldene Romy, Robert Geisendörfer Sonderpreis, Gold World Medal New
York Festival, Verdi Medienpreis
2010 FLIEGENDE BILDER, Filminstallation für das Dortmunder u

Ralf Rothmann (Romanautor)

Ralf Rothmann, Schriftsteller, wurde 1953 in Schleswig geboren und wuchs im Ruhrgebiet auf. Nach der Volksschule (und einem kurzen Besuch der Handelsschule) machte er eine Maurerlehre, arbeitete mehrere Jahre auf dem Bau und danach in verschiedenen Berufen (unter anderem als Drucker, Krankenpfleger und Koch). Seit 1976 lebt Ralf Rothmann in Berlin und veröffentlichte Romane, Erzählungen und Gedichte, für die er mit verschiedenen renommierten Literaturpreisen ausgezeichnet wurde.

Ralf Rothmann ist einer der besten deutschsprachigen Schriftsteller. JUNGES LICHT ist einer seiner großen Ruhrgebietsromane. Aktuell steht sein neuer Roman IM FROHLING STERBEN auf der Spiegel-Bestsellerliste und im Fokus des Feuilletons.

Veröffentlichungen (Auswahl)

2015 Im Frühling sterben
2012 Shakespeares Hühner
2009 Feuer brennt nicht
2004 Junges Licht
2000 Milch und Kohle
1994 Wäldernacht
1991 Stier

Preise (Auswahl)

2014 Kunst- und Kulturpreis der deutschen Katholiken
2013 Friedrich-Hölderlin-Preis
2010 Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung 2008
2007 Erik-Reger-Preis
2006 Max-Frisch-Preis
2005 Heinrich-Böll-Preis
1996 Literaturpreis für das Ruhrgebiet

Nils Beckmann (Drehbuchautor)

Nils Beckmann, geboren 1983 in Hagen. Studium der Germanistik und Sozialwissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum, 2009 B.A.

Arbeitet als Schauspieler, Autor und Theaterpädagoge im Ruhrgebiet, Köln und Stuttgart und lebt in Bochum.

Till Beckmann (Drehbuchautor)

Till Beckmann, 1985 geboren in Recklinghausen. Studiengang Schauspiel an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg, abgebrochen wegen Geldmangel.

Studium der Germanistik und Literatur an der Ruhr-Universität Bochum, 2010 B.A.

Arbeitet als Schauspieler und Autor an OFF-Theatern im Ruhrgebiet, Krefeld und Köln und lebt in Dortmund.

2009 Gründung des Künstlerkollektivs ,Spielkinder' mit Lina Beckmann (Schauspielerin des Jahres 2011), Maja Beckmann (TanaSchanzara-Preis 2010), Till Beckmann, Nils Beckmann

David Slama (Director of Photography)

Der 1946 in Prag geborene David Slama zählt heute zu den bedeutendsten Kameraleuten des deutschsprachigen Films. 1968 kam er nach Berlin, wo er bei Peter Stein und Michael Ballhaus an der Deutschen Filmakademie studierte. Später holte ihn Ballhaus, mit dem Slama eine enge Freundschaft verbindet, in sein Kamerateam bei Hollywood-Produktionen wie DIE LETZTE VERSUCHUNG CHRISTI und GANGS OF NEW YORK. 1973 übernahm er die Kamera bei Wolf Gremms frühem Spielfilm ICH DACHTE ICH WÄR TOT.

1978 begann mit DIE ABFAHRER seine langjährige Zusammenarbeit mit Regisseur Adolf Winkelmann. Dem Überraschungserfolg folgte 1981 das bei Publikum und Kritik gleichermaßen beliebte Porträt eines erfindungsreichen Aussteigers in JEDE MENGE KOHLE. Für seine ungewöhnliche Cinemascope-Fotografie erhielt Slama 1981 den Bundesfilmpreis. Für ein weiteres Projekt mit Winkelmann, den TV-Thriller DER LETZTE KURIER, erhielt er 1997 den Adolf Grimme Preis in Gold. Eine Rückkehr zum großen Kino markiert die 18-MillionenEuro-Produktion DER HERR DER DIEBE (Regie: Richard Claus).

Mit Adolf Winkelmann arbeitete David Slama erneut bei CONTERGAN(2007) und dem Kunstprojekt ,Fliegende Bilder' (2010) zusammen. Es folgten Dreharbeiten mit Andreas Prochaska für die österreichische Krimi-Reihe SPUREN DES BÖSEN mit Heino Ferch in der Hauptrolle sowie mit dem Regisseur Philipp Kadelbach für HINDENBURG und den großen preisgekrönten ZDF-Dreiteiler UNSERE MUTTER, UNSERE VÄTER.

Drehzeitraum:

Gedreht wird vom 6. Juli bis 21. August 2015 an Originalschauplätzen in Bottrop, Bochum, Marl und Dortmund sowie in den MMC Studios in Köln-Ossendorf.

Fakten:

JUNGES LrcHT ist eine Koproduktion der FFP New Media GmbH (Köln) und Winkelmann Filmproduktion GmbH (Dortmund), in Zusammenarbeit mit dem WDR (Redaktion: Götz Bolten, Christoph Pellander) und ARTE, gefördert von der Film-und Medienstiftung NRW, der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM), dem Deutschen Filmfördererfonds (DFFF), der RAG-Stiftung und unterstützt von Evonik Industries.